
Denken, weiter als die Stadt. Manchmal bin ich gefangen in ihr, manchmal träume ich und wandere in einsamen Betonpfeilerwäldern. Sie ist geheimnisvoll, mystisch und voll von Technik, Neonreklamen und Menschen mit leeren Gesichtern. In ihr ist Tiefe und Höhe eins, jedes Gefühl in jeder Ausprägung. Sie liegt inmitten eines weißen Fleckes der Gegenwart, sie erzählt Geschichten aus ferner Vergangenheit und zieht die Fäden der Zukunft. Sie liest auch aus deiner Hand. Morgen schon wird sie verschwinden und niedergehen oder aber aufblühen und ihre Bilder und Gedanken in die ganze Welt tragen. Die Stadt ist alles und nichts. Sie ist Teil des Lebens, sie ist das Leben selber und Tod. Die Stadt ist Realität. Sie ist mehr als das. Ein vollkommenes Bild aus Beton und Backstein, aus Pflaster und Plakaten aus Nacht und Tag, ein Magnet, dessen Enden zusammengeschweißt wurden.
Der Schein trügt. Immer. Vom Sims meines Daches sieht die Stadt aus wie ein großes, totes Tier mit einer zerschlissenen Haut und Fliegen, die im offenen Fleisch ihre Eier ablegen. Sie ist nicht schön, mit Sicherheit ist sie das nicht. Aber ebenso entbehrt sie jeglicher Hässlichkeit. Sie ist einfach, eins und viele, abhängig von der Perspektive. In ihren Vierteln erzählt man sich unterschiedliche Geschichten, trällert unterschiedliche Melodien. Wen die lärmenden Bahnen, die sich durch die Stadt ziehen, versehentlich zu weit tragen, der bleibt stehen, schüttelt verwundert den Kopf, nur kurz, um möglichst bald zurück zu finden. Hier sind die Gaststätten geöffnet bis in den frühen Morgen und lautes Gelächter schallt durch Gassen, die tapeziert sind mit abgerissenen Plakaten. Hier fallen die Schalousinen bereits am frühen Abend und Türen werden verriegelt. Hier spielen Kinder auf den Straßen und Luft in verlassenen Wohnzimmern. Die Stadt ist immer höher als die Summe von 0 und einer Aneinanderreihung von 1en. Sie ist nicht das antwortende Ja oder Nein, sondern die Frage darüber.
Wir, wir tragen Brillen, in unterschiedlichen Stärken und Farben, weil wir sie sonst nicht erkennen könnten. Die einen sehen die Stadt und in ihren Wänden, Häusern, Straßen Unmengen von Metall und Plastik, das aufgebracht werden musste, um sie zu dem zu machen, was sie heute ist. Andere sehen in jeder Haltestelle in jedem verlassenen Parkplatz das Werk des Schöpfers. Wiederum andere sehen in ihr Leben, das in jeder ihrer Adern pulsiert, den Staub, der sich auf ihren Lungen ablagert und Haut, die sich in Falten legt kurz bevor sie zerreißt. Dünnes Pergament.
Lärm strömt durch die Straßen bis sich alle Stimmen zu einem unverständlichen, bedrohlichen Brummen vereinen, das hungrig um die Blöcke zieht, um zu verschlingen, was noch zu verschlingen ist. Nur wenige können die Ohren schließen, nur wenige können denken was sie wollen, nur wenige können wollen was sie wollen, vielleicht niemand. Hier, in der Stadt, die alle Gegensätze vereint und zugleich sprengt, liegt Zukunft. Ich fessele mich an sie, bin gefesselt von ihr, jeden Tag mehr. Doch wenn sie sich auflöst, wird keine Erinnerung bleiben, nicht einmal Staub.
Und auch ich werde verschwunden sein.